Über das Werk
„Kain und Abel“ – im Original „Il primo omicidio“, nach dem Librettotitel auch „Cain, overo Il primo omicidio“ – ist ein Oratorium in zwei Teilen für sechs Stimmen von Alessandro Scarlatti. Laut Partitur schrieb er es im Januar 1707 in Venedig; das anonym gedruckte Libretto, das meist Antonio Ottoboni zugeschrieben wird, war dort nach venezianischer Jahreszählung „1706“ erschienen. Die lange verschollene Partitur wurde erst 1964 wiederentdeckt, 1966 erklang das Werk in Siena zum ersten Mal wieder öffentlich.
Handlung
Nach der Vertreibung aus dem Paradies quälen Adam und Eva Schuldgefühle. Als beide Söhne opfern, nimmt Gott Abels Gabe an, Kains nicht; angestachelt von der Stimme Luzifers heuchelt Kain Brüderlichkeit, führt Abel hinaus auf seine Felder und erschlägt ihn, als dieser an einem Bach eingeschlafen ist. Gott verflucht Kain, bewahrt ihn aber durch ein Zeichen vor dem Tod – das Weiterleben selbst ist seine Strafe. Die Eltern trauern um beide Söhne, bis Gott Adam Nachkommen verheißt, aus denen einst der Erlöser hervorgehen soll.
Kulturelle Bedeutung
Das Oratorium trägt deutlich opernhafte Züge: Die Figuren tragen die Handlung selbst, es gibt weder Chor noch Erzähler, und neben Luzifer tritt auch Gott als Solostimme auf, was in Oratorien der Zeit ungewöhnlich war. Seit den 1990er-Jahren liegen mehrere Einspielungen vor, unter anderem unter René Jacobs, und seit den 2000er-Jahren wird das Werk an Opernhäusern auch szenisch gespielt.
