Über das Werk
„Das Adressbuch“ ist ein Werk der französischen Konzeptkünstlerin Sophie Calle aus dem Jahr 1983, das Text und Fotografie verbindet und erstmals als Fortsetzungsserie in der Pariser Tageszeitung Libération erschien. Weil der Besitzer des Adressbuchs widersprach, kam das Material erst nach seinem Tod wieder heraus: 2012 auf Englisch bei Siglio Press, 2019 auf Deutsch bei Suhrkamp in der Übersetzung von Sabine Erbrich. Als Theaterabend („Ein Labyrinth nach Sophie Calle“) wurde der Stoff am 25. September 2026 im MalerSaal des Deutschen Schauspielhauses Hamburg in der Regie von Ruben Müller uraufgeführt.
Handlung
Calle findet in Paris auf der Straße ein fremdes Adressbuch, kopiert die Seiten und lässt es dem Besitzer, einem Mann namens Pierre D., anonym zurückschicken. Danach nimmt sie Kontakt zu den Menschen auf, die darin verzeichnet sind, und lässt sich von Verwandten, Freunden, Bekannten und früheren Geliebten von ihm erzählen, ohne ihm selbst je zu begegnen. Aus den Gesprächen und ihren Fotografien entsteht das Porträt eines Unbekannten, das ausschließlich aus dem Blick der anderen zusammengesetzt ist.
Kulturelle Bedeutung
Das Projekt zählt zu den umstrittensten Arbeiten Calles: Der Besitzer, der Filmemacher Pierre Baudry, sah seine Privatsphäre verletzt, drohte mit einer Klage und verlangte, dass die Zeitung als Revanche ein Nacktfoto der Künstlerin abdruckt. Auch die Kritik zur deutschen Ausgabe schwankte zwischen Bewunderung für die literarische und fotografische Qualität und dem Vorwurf übergriffiger Neugier; das Werk wirft bis heute Fragen nach Privatsphäre, Datenmissbrauch und den Grenzen der Kunst auf.