Über das Werk
Nis-Momme Stockmanns Stück wurde 2011 am Schauspiel Frankfurt uraufgeführt und zählt zu den prägenden Werken der jungen deutschen Dramatik. Der Titel bezieht sich auf Georg Kreislers berühmtes Wiener Chanson Taubenvergiften im Park von 1955 und setzt die Tradition schwarzhumoriger Auseinandersetzung mit der eigenen Zerstörungslust fort. Stockmann behandelt ein Tabu: den Familien-Erweiterten-Suizid als verzweifelten Akt.
Handlung
Ein Vater, eine Mutter, zwei Kinder. Die Familie hat sich zum gemeinsamen Abend versammelt. Was folgt, ist ein rückwärts erzählter Abstieg: Was hier eigentlich geschieht, ist nicht Familienessen, sondern ein gemeinsamer Tod. Die Eltern haben beschlossen, nicht länger zu leben und wollen die Kinder mitnehmen, damit sie nicht zurückbleiben. Stockmann schildert das Ritual der letzten Stunden ohne Pathos: die Zubereitung der Speisen, die Gespräche, die Musik, die Momente kindlichen Spielens. Die Unausweichlichkeit dringt erst nach und nach ins Bewusstsein des Zuschauers. Am Ende steht die Stille.
Kulturelle Bedeutung
Tauben vergiften ist eines der umstrittensten Gegenwartsstücke und führte zu heftigen Diskussionen über die Grenzen des Darstellbaren auf der Bühne. Die Inszenierung am Schauspiel Frankfurt wurde von einigen Kritikern als ethisch problematisch verurteilt, von anderen als notwendige Konfrontation gefeiert. Das Werk stellt die Frage, wie Theater mit unbeschreiblichen Formen familiärer Verzweiflung umgehen soll, ohne diese zu ästhetisieren. Stockmann etablierte sich mit diesem Stück als Autor, der keine einfachen Antworten bietet.