Über das Werk
Pina Bauschs „Das Frühlingsopfer" wurde 1975 vom Wuppertaler Tanztheater uraufgeführt — Strawinskis Komposition von 1913 in einer der radikalsten und dunkelsten Choreografien des 20. Jahrhunderts. Die Bühne ist mit echter Erde bedeckt; die Tänzerinnen und Tänzer kämpfen, schwitzen, fallen in der Erde — ein archaisches Ritual ohne romantische Stilisierung.
Handlung
Das Werk folgt grob Strawinskis ursprünglichem Programm: Ein primitiver Stamm versammelt sich zur Frühlings-Zeremonie, in der eine junge Frau zum Opfer auserwählt wird, die sich zu Tode tanzen muss, damit der Frühling kommt. Bausch trennt streng nach Geschlecht — Frauen in roten Kleidern, Männer mit nackten Oberkörpern. Erste Hälfte: gemeinschaftliche, archaische Bewegungen, das Stampfen, Fallen, Aufstehen. Mitte: ein rotes Kleid wird auf der Erde ausgebreitet — die Männer wählen ein Opfer aus, indem sie das Kleid zur Frau bringen. Zweite Hälfte: das auserwählte Mädchen tanzt allein, immer schneller, immer verzweifelter, während die Gemeinschaft regungslos zusieht. Sie tanzt sich zu Tode. Bei der Uraufführung tanzte Marlis Alt das Opfer; die Schluss-Solo-Szene gilt als eine der erschütterndsten Momente des modernen Tanzes.
Kulturelle Bedeutung
Bauschs „Frühlingsopfer" ist die meistbewunderte Strawinski-Choreografie des 20. Jahrhunderts neben Nijinskys Ur-Version (1913). Die radikale Geschlechter-Trennung, die echte Erde als Bühnenbild, die rituelle Erschöpfung der Tänzer setzten Maßstäbe. Das Werk wird heute weltweit getanzt; eine berühmte Aufzeichnung 2008 mit dem Wuppertaler Ensemble dokumentiert die Choreografie. Bauschs Vermächtnis-Projekt „Common Ground[s]" mit dem École des Sables in Senegal (2021) hat das Werk afrikanisch neu gelesen.
