Über das Werk
Peter Weiss' „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade" wurde 1964 in Berlin uraufgeführt. Das als „Marat/Sade" bekannte Stück ist ein Theater im Theater und verbindet Brechts episches Theater mit Antonin Artauds „Theater der Grausamkeit".
Handlung
Im Jahr 1808 führen die Insassen der Heilanstalt von Charenton unter der Regie des dort internierten Marquis de Sade ein Stück auf — vor dem Anstaltsdirektor Coulmier und seiner Familie. Gespielt wird die Ermordung des Revolutionärs Jean Paul Marat durch Charlotte Corday im Jahr 1793. Marat sitzt, hautkrank, in seiner Badewanne und diktiert seine flammenden Schriften; Corday nähert sich ihm dreimal, ehe sie ihn ersticht. Über das historische Geschehen legt sich ein großer Disput zwischen Marat, dem Fürsprecher der radikalen Revolution und der kollektiven Befreiung, und de Sade, dem skeptischen Individualisten, der nur an das Leiden und die Triebe des Einzelnen glaubt. Chöre, Songs und die immer wieder ausbrechenden Insassen sprengen die Form; am Ende droht der gespielte Aufruhr in einen echten umzuschlagen.
Kulturelle Bedeutung
„Marat/Sade" ist ein Schlüsselwerk des politischen Theaters der 1960er-Jahre und stellt die bis heute offene Frage nach Revolution und Individuum, Idealismus und Resignation. Peter Brooks Londoner Inszenierung von 1964 für die Royal Shakespeare Company und ihre Verfilmung von 1967 gelten als legendär und prägten das Welttheater nachhaltig.
