Über das Werk
Lukas Bärfuss schrieb sein erstes abendfüllendes Stück 2003, die Uraufführung fand im selben Jahr am Theater Basel unter Barbara Frey statt. Das Werk machte den Schweizer Autor international bekannt und wurde seitdem in über zwanzig Sprachen übersetzt. Bärfuss behandelt ein Tabu-Thema mit unsentimentaler Klarheit: die Frage, ob Menschen mit geistiger Behinderung ein Recht auf ihre eigene Sexualität haben.
Handlung
Dora, eine junge Frau mit geistiger Behinderung, wird unter Medikamentation ruhig und angepasst gehalten. Als ihre Eltern die Medikation absetzen, erwacht nicht nur ihre Persönlichkeit, sondern auch ihr sexuelles Begehren. Sie geht Beziehungen ein, wird schwanger, trifft eigene Entscheidungen — und überfordert damit ihre Umgebung. Die Eltern, der Arbeitgeber, der Arzt, alle wollen sie schützen und kontrollieren zugleich. Am Ende steht die Frage offen, ob Selbstbestimmung überhaupt gewährt werden darf, wenn sie nicht den Vorstellungen der sogenannten Gesunden entspricht.
Kulturelle Bedeutung
Die sexuellen Neurosen unserer Eltern gilt als eines der wichtigsten deutschsprachigen Gegenwartsstücke der 2000er Jahre und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Mülheimer Dramatikerpreis. Bärfuss stellt die Inklusions-Debatte vom Kopf auf die Füße: Statt zu fragen, wie man behinderte Menschen an die Gesellschaft anpasst, fragt er, ob die Gesellschaft überhaupt die Reife hat, ihre eigene Selbstgefälligkeit zu ertragen. Das Stück wird regelmäßig an deutschsprachigen Bühnen gespielt und gehört zum Standardrepertoire zeitgenössischer Dramatik.