Über das Werk
Caryl Churchills „Cloud Nine" wurde 1979 von der Joint Stock Theatre Company in London uraufgeführt und gehört zu ihren meistgespielten Werken. Das Stück ist ein Schlüsseltext des britischen feministischen Theaters und bekannt für seine radikalen formalen Neuerungen: Der erste Akt spielt im kolonialen Afrika um 1880, der zweite im London der Gegenwart — doch dieselben Schauspieler verkörpern unterschiedliche Figuren, häufig quer zu Geschlecht und Hautfarbe besetzt.
Handlung
Erster Akt: Afrika, um 1880. Der britische Kolonialoffizier Clive lebt mit seiner Frau Betty (von einem Mann gespielt), seinen Kindern Edward (von einer Frau gespielt) und Victoria (einer Puppe), dem schwarzen Diener Joshua (von einem weißen Mann gespielt) und seiner Schwiegermutter Maud. Die koloniale Idylle wird von verborgenen Begierden untergraben: Betty liebt den Forschungsreisenden Harry; Harry schläft mit Joshua und dem Jungen Edward; Clive verführt die zu Besuch weilende Witwe Mrs Saunders. Der Akt endet in einer gewaltsamen Rebellion der Kolonisierten — Joshua schießt auf Clive. Zweiter Akt: London, 1979. Dieselben Schauspieler spielen neue Figuren. Die nun ältere, geschiedene Betty lebt in London. Ihre inzwischen erwachsene Tochter Victoria lebt in einer lesbischen Beziehung mit Lin, ihr schwuler Sohn Edward mit seinem Geliebten Gerry. Der Akt erkundet polyamouröse Beziehungen, weibliche sexuelle Selbstbestimmung und schwule Identität. In der Schlussszene begegnet die alte Betty ihrem jüngeren Ich aus dem ersten Akt und umarmt es — der lange Weg zur weiblichen Selbstfindung wird sinnfällig.
Kulturelle Bedeutung
Cloud Nine gilt als Schlüsseltext des feministischen Theaters. Die radikale geschlechter- und hautfarbenübergreifende Besetzung war stilbildend für das politische Theater. Das Stück ist eines der meistgespielten Werke Churchills und Pflichtlektüre in Gender-Studies-Studiengängen. Inszenierungen von Max Stafford-Clark, Tom Cairns und Lisa Peterson gelten als Referenzaufführungen.
