Über das Werk
Modest Mussorgskis Oper in vier Akten und einem Prolog gilt als das bedeutendste russische Bühnenwerk des 19. Jahrhunderts. Mussorgski schuf mehrere Fassungen (1869 abgelehnt, 1872 angenommen, 1874 uraufgeführt in Sankt Petersburg). Das Libretto, vom Komponisten selbst nach Puschkins gleichnamigem Drama (1825) und Karamzins russischer Geschichte verfasst, dramatisiert die „Zeit der Wirren" zwischen 1598 und 1605.
Handlung
Boris Godunow lässt sich nach dem Tod des kinderlosen Zaren Fjodor zum Zaren krönen. Gerüchte gehen, er habe den jungen Thronfolger Dmitri Iwanowitsch ermorden lassen. Im Tschudow-Kloster erfährt der junge Mönch Grigori Otrepjew durch den alten Pimen die Geschichte und beschließt, sich als der gerettete Dmitri auszugeben. Er flieht nach Polen, gewinnt dort die Liebe der Marina Mnischek und marschiert mit polnischen Truppen gegen Moskau. Boris, von Schuld und Halluzinationen gequält — er sieht den ermordeten Knaben — bricht im Kreml zusammen und stirbt in den Armen seines Sohnes Fjodor, dem er Russland anvertraut. Im Schlussbild des Volksaufstands im Wald von Kromy ziehen die Aufständischen mit dem falschen Dmitri Richtung Moskau; ein Gottesnarr klagt um Russlands ungewisses Schicksal.
Kulturelle Bedeutung
Boris Godunow ist die bedeutendste russische Volkstragödie der Operngeschichte und prägende Vorlage für die Werke Schostakowitschs und der sowjetischen Oper. Mussorgskis radikaler Sprechgesang, die machtvollen Volkschöre (Krönungsszene) und die psychologischen Monologe Boris' (Sterbeszene) wirkten weit über Russland hinaus. Rimski-Korsakows „aufgeräumte" Fassung beherrschte lange die Bühnen, heute werden meist die Originalfassungen Mussorgskis gespielt — meist die zweite (1872) mit dem polnischen Akt.
