Über das Werk
Die Sonate h-Moll BWV 1014 ist die erste der sechs Sonaten für Violine und obligates Cembalo, die Johann Sebastian Bach vermutlich in seinen letzten Köthener Jahren zwischen 1717 und 1723 schuf und bis in die Leipziger Zeit hinein überarbeitete. Das Besondere dieser Sammlung: Das Cembalo ist nicht mehr bloßes Generalbass-Continuo, sondern gleichberechtigter Partner. Bach notiert die rechte Hand vollständig aus, sodass ein dreistimmiger Triosonaten-Satz entsteht – zwei melodisch gleichwertige Oberstimmen (Violine und rechte Cembalohand) über einem eigenständigen Bass der linken Hand. Carl Philipp Emanuel Bach zählte die Sammlung zu den besten Werken seines Vaters. BWV 1014 folgt dem viersätzigen Modell der Kirchensonate (langsam–schnell–langsam–schnell) und eröffnet den Zyklus mit feierlichem Ernst.
Handlung
Der einleitende Adagio-Satz lässt die Violine eine weit gespannte, kantable Linie über dem gleichmäßig pulsierenden Cembalo entfalten; durch Doppelgriffe verdichtet sich der Klang stellenweise zu fünfstimmiger Fülle. Es folgt ein bewegtes Allegro in strenger Fugentechnik, in dem Violine und beide Cembalohände das Thema gleichberechtigt durchführen. Der dritte Satz, ein Andante in der Paralleltonart D-Dur, verbindet Violine und rechte Cembalohand zu einem zarten Liniengeflecht über schreitendem Bass. Das abschließende Allegro kehrt nach h-Moll zurück und führt die drei Stimmen in lebhaftem Kontrapunkt zu einem energischen Schluss.
Kulturelle Bedeutung
Mit den Sonaten BWV 1014–1019 schuf Bach einen neuen Typus der Kammermusik, der die spätere Duo-Sonate für Tasteninstrument und Melodieinstrument vorwegnahm. Indem er den Cembalopart auskomponierte, entzog er die Musik der Willkür der Generalbass-Aussetzung und sicherte ihre kunstvolle Stimmführung. BWV 1014 als Eröffnungswerk prägt den ernsten, gelehrten Ton der Sammlung, die zu den Gipfeln barocker Kammermusik zählt und im modernen Konzertleben auf historischem wie modernem Instrumentarium ihren festen Platz hat.
