Über das Werk
„Innocence" ist die vierte und letzte Oper der finnischen Komponistin Kaija Saariaho, uraufgeführt am 3. Juli 2021 beim Festival d'Aix-en-Provence in der Regie von Simon Stone unter der Leitung von Susanna Mälkki. Das Libretto stammt von der finnisch-estnischen Schriftstellerin Sofi Oksanen, dramaturgisch zu einem mehrsprachigen Text geformt von Aleksi Barrière: Die Figuren sprechen und singen in neun Sprachen. In Auftrag gegeben wurde das Werk von einem internationalen Häuser-Konsortium, darunter die Niederländische Nationaloper, das Royal Opera House, die San Francisco Opera, die Finnische Nationaloper und die Metropolitan Opera.
Handlung
Zwei Zeitebenen sind unauflöslich verschränkt. In der Gegenwart feiert eine wohlhabende Familie in Finnland eine Hochzeit in einem noblen Restaurant. Zehn Jahre zuvor erschütterte ein Amoklauf an einer internationalen Schule die Gemeinschaft. Eine eingesprungene Aushilfskellnerin, Tereza, entpuppt sich als Mutter eines der getöteten Mädchen — und der Bräutigam ist der Bruder des Täters, ein Geheimnis, das die Familie bis heute verschweigt. Im Aufeinandertreffen brechen verdrängte Schuld, Mitwisserschaft und Trauer auf, während die tote Schülerin Markéta als Stimme aus der Vergangenheit erscheint. Saariaho verbindet den operndurchwirkten Gesang der „Hochzeitswelt" mit dem gesprochenen, geflüsterten Sprechgesang der Überlebenden zu einem dichten Klangraum aus Orchester und Elektronik.
Kulturelle Bedeutung
„Innocence" gilt als eine der bedeutendsten Opern des 21. Jahrhunderts und wurde nach Aix international weitergereicht — u. a. nach Helsinki, Amsterdam, London und an die Metropolitan Opera. Saariahos Tod im Juni 2023 macht das Werk zum Schlussstein ihres Schaffens. Gefeiert wird es für die Verschränkung zweier Zeitebenen, für die radikale Mehrsprachigkeit, die das kollektive Trauma vielstimmig macht, und für Saariahos charakteristische, spektral geprägte Klanglichkeit. Die Oper fragt, wie eine Gemeinschaft mit einer Gewalttat weiterlebt, wo Mitschuld beginnt und wie lange die Folgen eines Verbrechens nachwirken.
