Über das Werk
Der Sandmann ist eine spartenübergreifende Oper – oft als Rockoper bezeichnet – der britischen Singer-Songwriterin Anna Calvi und des Regisseurs Robert Wilson nach E. T. A. Hoffmanns gleichnamiger Erzählung von 1816. Die Produktion wurde 2017 am Düsseldorfer Schauspielhaus uraufgeführt: Musik, Arrangements und Liedtexte stammen von Anna Calvi, zusätzliche Musik und Arrangements von Jherek Bischoff, Konzept, Buch und Design der Uraufführung von Robert Wilson, die Textfassung von Janine Ortiz. Wilson überträgt Hoffmanns romantische Schauernovelle in seine unverkennbare Bildsprache aus stilisierten Bewegungen, scharf konturiertem Licht und traumartiger Künstlichkeit, während Calvis Songs zwischen Independent-Rock, Vaudeville und hymnischer Eindringlichkeit changieren. Das Werk verbindet Schauspiel, Gesang, Tanz und Live-Band zu einem Gesamtkunstwerk an der Grenze zwischen Oper, Musical und Theater.
Handlung
Der kleine Nathanael verbindet den Tod seines Vaters bei einer nächtlichen Explosion mit der Schreckgestalt des Sandmanns, von dem ihm erzählt wurde: Er streue Kindern, die nicht schlafen wollen, Sand in die Augen, bis diese blutig herausfallen. Als junger Mann verfolgt ihn das Trauma weiter; in dem unheimlichen Wetterglashändler Coppola erkennt er den teuflischen Advokaten Coppelius wieder, den er für den Sandmann seiner Kindheit hält. Über ein Fernrohr verliebt er sich in Olimpia, die scheinbar vollkommene Tochter des Professors Spalanzani – die sich als mechanische Puppe, ein Automat, entpuppt. Die Erkenntnis treibt Nathanael in den Wahnsinn; zwischen Realität und Einbildung nicht mehr unterscheidend, stürzt er sich am Ende von einem Turm in den Tod.
Kulturelle Bedeutung
Hoffmanns Sandmann gilt als Schlüsseltext der schwarzen Romantik und als eine der wirkungsmächtigsten Erzählungen über das Unheimliche – nicht zuletzt, weil Sigmund Freud sie 1919 zum Ausgangspunkt seines berühmten Essays „Das Unheimliche" machte. Die Motive der lebensechten Puppe und der bedrohten Augen wurden zu Urbildern der Automaten- und Doppelgängerliteratur. Robert Wilsons und Anna Calvis Bühnenfassung führt diesen Stoff in die Gegenwart des Musiktheaters und verbindet die psychologische Tiefe der Vorlage mit der sinnlichen Unmittelbarkeit des Pop. Die Bielefelder Inszenierung übernahm die Uraufführungskonzeption und entwickelte sie als spartenübergreifende Produktion weiter.
