Über das Werk
Jules Massenets „Thaïs" wurde 1894 an der Pariser Opéra uraufgeführt. Das Libretto Louis Gallets basiert auf Anatole Frances gleichnamigem Roman (1890). Die Oper schildert eine biblisch-allegorische Geschichte aus dem frühchristlichen Alexandria — und enthält das berühmteste Solo-Stück Massenets, die „Méditation" für Soloviolinen.
Handlung
Im 4. Jahrhundert n. Chr. in Alexandria. Athanaël, ein junger Mönch des Wüstenklosters, kommt nach Alexandria, um die berühmte Kurtisane Thaïs zu retten. Thaïs ist die Geliebte Niciases, eines reichen Hedonisten. Athanaël hatte Thaïs in seiner Jugend gekannt und ist heimlich noch immer in sie verliebt — was er sich nicht eingesteht. In einem Festfeuer-Bankett trifft er sie wieder; sie hört seine Predigt zunächst spöttisch, dann nachdenklich. Allein in ihrem Zimmer begegnet ihr ein Anflug religiöser Sehnsucht — die Méditation (Pause-Stück, Orchester mit Soloviolinen, eine der berühmtesten Melodien Massenets) markiert ihre Bekehrung. Sie verbrennt ihre Schmuck und Kleider, folgt Athanaël ins Wüstenkloster der heiligen Albine. Die lange Wüsten-Reise erschöpft sie schwer. Im Kloster stirbt sie, im Glauben verklärt — Athanaël aber, von seinen unterdrückten Gefühlen überwältigt, kommt verspätet, gesteht ihr seine Liebe. Zu spät: Thaïs stirbt mit der Vision des Himmels, Athanaël zerbricht.
Kulturelle Bedeutung
Thaïs ist Massenets philosophisch reichste Oper. Die „Méditation" für Soloviolinen aus dem zweiten Akt ist eine der meistgespielten Konzert-Pausen-Stücke der Welt — ein Solo-Stück für Geige (etwa fünf Minuten lang), das dem Eintritt der Hauptfigur in die religiöse Sphäre entspricht. Berühmte Thaïs-Darstellerinnen: Mary Garden (für die die Rolle geschrieben wurde), Beverly Sills, Renée Fleming. Die Verbindung von erotischer Sinnlichkeit (Thaïs als Kurtisane) mit religiöser Erlösung ist Massenets eigene Spezialität. Aufnahmen unter Lorin Maazel, John Eliot Gardiner, Yves Abel sind Standard.
