Über das Werk
Johann Wolfgang von Goethes Schauspiel in fünf Akten wurde 1776 als Schauspiel für Liebende mit einem Dreiecks-Harmonie-Ende uraufgeführt, das zeitgenössische Kritiker wegen seiner unverhohlenen Bigamie skandalisierte. Goethe überarbeitete das Werk 1806 zu einem Trauerspiel mit tragischem Ausgang. Das Stück gehört zur späten Sturm-und-Drang-Phase und behandelt die Zerrissenheit zwischen zwei Frauen mit einer Direktheit, die erst das 20. Jahrhundert wieder zu schätzen wusste.
Handlung
Der Offizier Fernando lebt mit Stella, einer jungen Frau, zusammen, die ihn als ihren Ehemann erlebt. Es erscheint eine fremde Dame namens Cäcilia mit ihrer Tochter Lucie — sie ist Fernandos frühere Ehefrau, die er verlassen hat. Die beiden Frauen erkennen die Verstrickung und lieben einander paradoxerweise. In der ersten Fassung von 1776 einigen sich die drei auf ein gemeinsames Leben zu dritt; in der Fassung von 1806 vergiftet sich Stella, Fernando erschießt sich, und Cäcilia bleibt allein zurück.
Kulturelle Bedeutung
Stella ist ein radikales Dokument seiner Zeit — die Erstfassung mit ihrem bigamen Harmonie-Ende war ein moralischer Bruch, der Goethes Ruf als Revolutionär der Literatur festigte. Die spätere Überarbeitung entschärfte den Skandal, verwandelte das Stück aber in eine konventionellere Tragödie. Produktionen der letzten Jahrzehnte, darunter Stephan Kimmig am Thalia Theater Hamburg, haben beide Fassungen parallel oder als Doppelabend gespielt und damit die Produktivität des moralischen Experiments sichtbar gemacht.
