Über das Werk
Elfriede Jelineks Stück wurde 2008 an den Münchner Kammerspielen unter Jossi Wieler uraufgeführt. Das Werk verarbeitet ein historisches Ereignis aus den letzten Kriegstagen 1945: das Massaker von Rechnitz, bei dem auf dem Schloss der Gräfin Margit Batthyány-Thyssen etwa 180 ungarische Juden in einer einzigen Nacht ermordet wurden — während die Gesellschaft oben weitergefeiert hatte. Der Untertitel bezieht sich auf Luis Buñuels Film Der Würgeengel von 1962.
Handlung
Kein linearer Plot, sondern eine Collage: Boten erzählen von dem Massaker, das bis heute nicht juristisch aufgeklärt ist, weil alle Hauptzeugen rechtzeitig ermordet oder verschwunden wurden. Die Bühne ist eine Partyszene — Champagner, Musik, Tanz — während unsichtbar die Ermordeten klagen. Jelinek verwebt die Schuld der Mitwisser mit der der Täter, die ungarische Adelsgeschichte mit der deutschen Täterpsyche, Buñuels verrückte Dinnergesellschaft mit der realen Gräfin Batthyány, die nach dem Krieg in der Schweiz friedlich zu Tode kam. Die Boten versuchen, Zeugenschaft zu leisten — scheitern aber an der Ungewissheit der Überlieferung.
Kulturelle Bedeutung
Rechnitz ist Jelineks intensivste Auseinandersetzung mit der ungeahndeten NS-Täterschaft und wurde zum Schlüsseltext für die neue Generation deutscher und österreichischer Regisseure. Das Stück wurde am Deutschen Theater Berlin unter Andreas Kriegenburg, am Akademietheater Wien und zahlreichen weiteren Bühnen gespielt. Die Inszenierung in München 2008 unter Jossi Wieler wurde zum Theatertreffen 2009 eingeladen. Die Gräfin Batthyány-Thyssen und ihre Verbindung zur Thyssen-Dynastie machten das Stück zu einem kontroversen Kommentar über die ungebrochenen Kontinuitäten deutscher Industriellen-Familien.