Über das Werk
Johann Sebastian Bachs „Matthäus-Passion" (BWV 244) wurde 1727 (oder 1729) in der Leipziger Thomaskirche uraufgeführt. Sie ist Bachs umfangreichste und bedeutendste Vokalkomposition — eine knapp dreistündige Erzählung des Leidens Christi nach dem Matthäusevangelium, mit Dichtung Picanders, in einer einzigartigen Doppelchor-Architektur.
Handlung
Das Werk umfasst 68 Nummern in zwei Teilen, getrennt durch die Predigt im Gottesdienst. Die Erzählung folgt Matthäus 26-27: Salbung in Bethanien, Letztes Abendmahl, Ölberg, Verrat, Gefangennahme, Verleugnung Petri, Pilatus, Geißelung, Kreuzigung, Tod, Grablegung. Bach kombiniert vier Schichten: 1) Den Evangelisten-Bericht (Tenor-Rezitative), 2) Wortlaute Christi (Streicher-„Heiligenschein" als Begleitung), 3) Aussprüche der „Gegenseite" (Hohepriester, Volk — vom zweiten Chor gesungen), 4) Picanders Reflexions-Texte als Arien und Choräle. Höhepunkte: das Doppelchor-Eröffnungsstück „Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen" mit dem cantus firmus „O Lamm Gottes unschuldig"; die Alt-Arie „Erbarme dich, mein Gott" mit Solovioline; der Choral „O Haupt voll Blut und Wunden" — fünfmal in verschiedenen Tonarten eingesetzt; und der Schluss-Doppelchor „Wir setzen uns mit Tränen nieder".
Kulturelle Bedeutung
Die Matthäus-Passion ist die wichtigste musikalische Passions-Vertonung der Geschichte und gilt vielen als das größte Werk der westlichen Musik überhaupt. Nach Bachs Tod 1750 fast vergessen, wurde sie 1829 von Felix Mendelssohn-Bartholdy in Berlin wieder aufgeführt — ein epochaler Moment, der die Bach-Renaissance des 19. Jahrhunderts auslöste. Berühmte Aufnahmen unter Otto Klemperer, Karl Richter, Nikolaus Harnoncourt, Philippe Herreweghe, John Eliot Gardiner, Masaaki Suzuki. Sir Peter Sellars' choreografierte Inszenierung der Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle (2010) ist eine moderne Lesart.
