Über das Werk
Johann Sebastian Bachs „Johannes-Passion" (BWV 245) wurde 1724 — am Karfreitag — in der Leipziger Nikolaikirche uraufgeführt. Sie ist Bachs erste große Passion in Leipzig und chronologisch früher als die Matthäus-Passion. Das Werk ist dramatischer, kürzer (gut zwei Stunden) und konfliktreicher als die spätere Schwester-Passion.
Handlung
Die Erzählung folgt dem Johannes-Evangelium, Kapitel 18-19, mit Einschüben aus Matthäus (Petrus' Verleugnung, Erdbeben). Die zwei Teile umfassen: Gefangennahme im Garten Gethsemane, Verhör vor den Hohenpriestern, Petri Verleugnung, Pilatus-Szene mit ihrem dramatischen Hin-und-Her zwischen Pilatus, Volk und Christus (das Volk ruft mehrfach „Kreuzige, kreuzige!"), Geißelung, Kreuzigung, Tod, Grablegung. Bachs Sicht auf das Johannes-Evangelium ist theologisch besonders die Macht-Frage: Pilatus' Hinausgehen und Hineingehen, das Hin und Her zwischen Recht und Volkswille. Höhepunkte: das Eröffnungs-Chor „Herr, unser Herrscher"; der dramatische Volkschor „Sei gegrüßet, lieber Jüdenkönig"; die Bass-Arie „Eilt, ihr angefochtnen Seelen" mit Echo-Effekt; das ergreifende Sterbe-Tableau „Es ist vollbracht" (Alt-Arie mit Solo-Gambe); der Schluss-Choral „Ach Herr, lass dein lieb Engelein".
Kulturelle Bedeutung
Die Johannes-Passion ist nach der Matthäus-Passion das wichtigste evangelische Passions-Werk. Die anti-jüdischen Volkschöre („Wir haben keinen König denn den Kaiser", „Kreuzige!") werden in modernen Aufführungen mit theologisch-kritischer Reflexion eingebettet — die Frage nach Bachs Antijudaismus wird seit den 1980er Jahren intensiv diskutiert. Die Passion existiert in vier verschiedenen Bach-Fassungen (1724, 1725, 1732, 1749) — moderne Aufführungen wählen meist die erste Fassung. Aufnahmen unter Helmuth Rilling, John Eliot Gardiner, René Jacobs zählen zu den Referenzen.
