Über das Werk
Christoph Willibald Glucks „Iphigénie en Tauride" wurde 1779 in Paris uraufgeführt — Glucks vorletzte Oper und Höhepunkt seiner Reform-Bestrebungen. Das Libretto Nicolas-François Guillards basiert auf Euripides' gleichnamigem Drama (414 v. Chr.). Gluck schuf hier eine der dichtesten Tragödien-Opern überhaupt — kein Tanz-Divertissement, kein Pomp, nur konzentrierte dramatische Wahrheit.
Handlung
Auf der Insel Tauris, vor dem Tempel Dianas, wo Iphigénie als Priesterin dient. Die Göttin hatte sie vor Jahren von Aulis gerettet, wo Agamemnon sie opfern wollte. Iphigénie hat einen schrecklichen Traum: ihr Vater wird ermordet, sie selbst muss ihren eigenen Bruder töten. Sie ahnt nicht, dass dies bereits geschehen ist — Klytaimnestra hat Agamemnon ermordet, Orest hat seine Mutter zur Rache getötet. Zwei Schiffbrüchige werden gefangen — Orest und Pylades, ohne sich zu erkennen. König Thoas verlangt, sie zu opfern. Iphigénie, die ihren eigenen Bruder im Fremden ahnt, will einen retten — Pylades. Orest soll geopfert werden. In der berühmten Anagnorisis-Szene gibt Orest sich zu erkennen: „Iphigénie, ma sœur!" Iphigénie ist erschüttert. Pylades kehrt mit griechischen Soldaten zurück; Thoas wird im Kampf getötet. Diana erscheint, vergibt Orest die Mutter-Tötung, schickt die Geschwister gemeinsam nach Hause.
Kulturelle Bedeutung
Iphigénie en Tauride ist Glucks Meisterwerk und gilt als die wichtigste Oper zwischen Mozart und Wagner. Die Musik vereint klassizistische Würde (à la Racine) mit dramatischer Intensität, die Wagner direkt vorbereitet — Wagner bearbeitete das Werk später (1847) und führte es in Dresden auf. Glucks Reform-Prinzipien — keine Da-Capo-Arien, kein leerer Virtuosen-Pomp, alles im Dienst des Dramas — finden hier ihre reinste Verwirklichung. Aufführungen unter Marc Minkowski, John Eliot Gardiner, William Christie sind zentrale Aufnahmen; Inszenierungen Robert Carsens, Krzysztof Warlikowskis prägen die moderne Sicht.
