Über das Werk
Gotthold Ephraim Lessings bürgerliches Trauerspiel „Emilia Galotti" wurde 1772 in Braunschweig uraufgeführt. Es gilt als Höhepunkt des deutschen bürgerlichen Trauerspiels und als scharfe Kritik an der Willkür absolutistischer Fürstenhöfe. Lessing verlegte den antiken Virginia-Stoff in das Italien seiner Gegenwart und schuf ein Drama über die Wehrlosigkeit bürgerlicher Tugend gegenüber höfischer Macht.
Handlung
Der Prinz von Guastalla, Hettore Gonzaga, ist in die bürgerliche Emilia Galotti verliebt, die noch am selben Tag den Grafen Appiani heiraten soll. Um die Hochzeit zu verhindern, lässt sich der Prinz vom skrupellosen Kammerherrn Marinelli zu einem Komplott verleiten. Marinelli inszeniert einen Überfall auf die Kutsche des Brautzuges; Appiani wird dabei erschossen, Emilia auf das Lustschloss des Prinzen gebracht. Dort durchschaut Emilias Vater, der aufrechte Odoardo Galotti, allmählich die Intrige. Auch die verstoßene frühere Geliebte des Prinzen, die Gräfin Orsina, deckt die Machenschaften auf und reicht Odoardo einen Dolch. Emilia, die ihrer eigenen Verführbarkeit und der Gewalt des Hofes nicht zu widerstehen glaubt, bittet den Vater, sie zu töten, um ihre Tugend zu bewahren. Odoardo ersticht die Tochter — eine Rose gebrochen, ehe der Sturm sie entblättert — und stellt sich dem Gericht.
Kulturelle Bedeutung
Emilia Galotti ist neben „Minna von Barnhelm" und „Nathan der Weise" Lessings bekanntestes Drama und feste Schullektüre im deutschsprachigen Raum. Das Stück wurde als Anklage gegen höfische Willkür und als Dokument bürgerlichen Selbstbewusstseins gelesen; in Goethes „Werther" liegt es auf dem Tisch des Sterbenden. Auf deutschen Bühnen ist es ununterbrochen präsent; moderne Inszenierungen wie die von Michael Thalheimer (Deutsches Theater Berlin 2001) gaben dem Trauerspiel eine radikal verknappte, hochmoderne Form.
