Über das Werk
Peter Handkes wortloses Theaterstück wurde 1992 an den Wiener Festwochen uraufgeführt und zählt zu den radikalsten Experimenten der zeitgenössischen Dramatik. Das Werk besteht ausschließlich aus szenischen Anweisungen — kein Dialog, kein gesprochenes Wort. Auf einer öffentlichen Platz-Kulisse ziehen über 400 Figuren in knapp zwei Stunden vorbei, jede mit einer eigenen kurzen Geschichte. Handke nennt es eine Regieanweisung in Buchform.
Handlung
Ein unbestimmter öffentlicher Platz, irgendwo in Europa. Über die Bühne ziehen in kontinuierlichem Strom Menschen: Geschäftsleute, Liebespaare, Touristen, Obdachlose, Kinder, alte Menschen, Trauernde, Betrunkene, Arbeiter, historische Figuren, mythologische Gestalten. Manche begegnen sich für Sekunden, andere ziehen allein vorbei. Es gibt keine zentrale Handlung, nur die Choreografie des menschlichen Kommens und Gehens. Ereignisse entstehen und verschwinden: ein Unfall, ein Streit, ein Picknick, ein Todesfall. Das Stück endet mit der langsam einsetzenden Dämmerung und dem Leerwerden des Platzes.
Kulturelle Bedeutung
Die Stunde da wir nichts voneinander wussten gilt als Schlüsselwerk des postdramatischen Theaters und hat Generationen von Regisseuren inspiriert. Luc Bondys Uraufführung an der Wiener Burg mit 270 Figuren wurde zum legendären Theaterabend. Claus Peymann, Lars-Ole Walburg und Jossi Wieler inszenierten das Stück in jeweils eigenen Lesarten. Das Werk fordert Regie und Ensemble bis zur körperlichen Erschöpfung heraus und stellt grundlegende Fragen zur Dramaturgie: Braucht Theater überhaupt Sprache, um Bedeutung zu erzeugen? Handke antwortet mit einem klaren Nein.