Über das Werk
Die heilige Johanna der Schlachthöfe ist ein Drama von Bertolt Brecht, das zwischen 1929 und 1931 inmitten der Weltwirtschaftskrise entstand. Es wurde 1932 zunächst als Hörspiel gesendet; die szenische Uraufführung folgte erst 1959 am Schauspielhaus Hamburg. Das Stück verbindet die Heiligen-Johanna-Figur mit einer marxistischen Analyse des Kapitalismus und ist in strengen, an Schiller und Goethe geschulten Blankversen verfasst — die Brecht parodistisch gegen ihren erhabenen Ton wendet.
Handlung
In den Schlachthöfen von Chicago kämpfen die Arbeiter gegen Hunger, Massenentlassungen und die Spekulationen des Fleischkönigs Pierpont Mauler. Die fromme Johanna Dark, Leutnant der „Schwarzen Strohhüte" (einer Heilsarmee-artigen Organisation), will den Arbeitern helfen und die Schuld an ihrem Elend ergründen. In drei „Gängen in die Tiefe" sucht sie Mauler auf und glaubt, ihn zur Menschlichkeit bekehren zu können. Doch Mauler nutzt ihre Gutgläubigkeit eiskalt für seine Börsenmanöver aus. Johanna erkennt zu spät, dass „nur Gewalt hilft, wo Gewalt herrscht", und dass Mitleid und Glaube die Verhältnisse nicht ändern. Sterbend wird ihre radikale Einsicht von den Gesängen der Kapitalisten übertönt, die sie zur ungefährlichen Märtyrerin verklären — zur „heiligen Johanna der Schlachthöfe".
Kulturelle Bedeutung
Die heilige Johanna der Schlachthöfe gilt als eines der wichtigsten Lehrstücke Brechts und als Höhepunkt seiner frühen marxistischen Dramatik. Die Montage aus klassischem Versdrama, Bibelzitat und ökonomischer Analyse macht das Werk zu einer der ehrgeizigsten Theaterarbeiten der Weimarer Zeit. Es gehört zum festen Repertoire großer Bühnen; bedeutende Inszenierungen schufen u. a. Benno Besson und Frank Castorf. Die Figur der Johanna Dark steht in einer Reihe mit den großen Johanna-Bearbeitungen von Schiller und Shaw.
